Leseprobe

Dieses Jahr gibt es keinen Weihnachtsbaum,

 

sagte meine Mutter in ihrer resoluten Art am Vorabend des 24. Dezember 1970. Ich war damals Gerichtsreferendar und fuhr zu Weihnachten immer noch nach Düsseldorf zu meinen Eltern, um dort getreulich der biblischen Geschichte nach der Forderung des Kaisers Augustus „gezählet zu werden“. Eigentlich wollten mein Vater und ich am nächsten Tag den Weihnachtsbaum besorgen, der - solange ich zurückdenken konnte - immer eineFichte zu sein hatte, und meiner Mutter – wie immer – zum Schmücken aufstellen, um ihn dann am Abend zur Bescherung im neuen Gewande und im Lichterglanz staunend und mit kindlich leuchtenden Augen wiederzusehen. Stattdessen saßen mein Vater und ich betroffen am Esstisch, die vorher fröhliche Laune über das Wiedersehen und die Aussicht auf einige ruhige und gemütliche Tage schlug abrupt in tiefe Niedergeschlagenheit um und wir schauten uns nur betreten an,während meine Mutter mit erhobenem Kopf da saß und im Bewusstsein, dass eigentlich alles und endgültig gesagt sei, das Thema wechselte.

Diese Nacht schlief ich unruhig, träumte verworrenes Zeug und hatte irgendwie das Gefühl, dass mir einStück Heimat unwiederbringlich verloren gegangen war. Während des Frühstücks regte sich bei meinem Vater und mir dann aber doch eine heiligeWiderborstigkeit und ohne größeres Palaver waren wir beide uns schnell einig,dass der Punkt erreicht war, an dem es galt, wesentliche Kulturgüter des Abendlandes vor dem endgültigen Verlust zu bewahren. Also verkündeten wir meiner ob solcher ungewohnter Renitenz verblüfften Mutter, dass wir ihren Beschluss ignorieren und gleich losziehen würden, um einen Weihnachtsbaum zu kaufen und sie abends großzügig von uns eingeladen sei, mit uns unter unserem Weihnachtsbaum zu sitzen. Anderenfalls könne sie halt hinter der geschlossenen Schiebetür in ihrem Zimmer bleiben und wir würden dann allein feiern. Weihnachten würde bei uns nicht ohne Weihnachtsbaum stattfinden. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob bei meiner Mutter Tränen der Wut flossen, ob sie unserem Entschluss heftig oder nur schwach widersprach oder sich einfach wortlos zurückzog. Ich sehe mich gleich nach dem Frühstück gemächlich mit meinem Vater zum Staufenplatz gehen, um dort den mutigen Entschluss in die Tat umzusetzen. Doch welch ein Jammer, dort gab es keinen Baum mehr, der unseren Jahrzehnte alten Vorstellungen entsprach (ausladende Zweige und dichter Wuchs und natürlich bis zur Decke – von einem immer verwendeten Hocker aus gemessen).Also gingen wir – jetzt nicht mehr ganz so gemächlich - zurück und setzten uns in mein Auto, um nach Gerresheim rauf zu fahren. Auch dort sehe ich uns noch auf dem Weihnachtsbaummarkt – gleich bei der Straßenbahnhaltestelle, die zu meinem früheren Gymnasium führte – auf der Suche nach der schönen Fichte. Es gab zwar noch einige Bäume der von uns gesuchten Art, aber unsere Ansprüche waren höher als die wenigen Fichten noch hergaben. Eigentlich konnte man zu dieser späten Zeit nicht wirklich die Hoffnung haben, einen Idealbaum zu finden, zu viele Leute hatten wochenlang das Angebot schon mehrfach durchsucht und natürlich die schönsten Bäume mitgenommen, aber wir waren noch nicht so realitätsbezogen, dass wir schon zu größeren Kompromissen bereit gewesen wären.Wir kamen mit einem ehemaligen Lehrer von mir ins Gespräch, der uns auch noch darin unterstützte, nicht irgendeinen Baum zu kaufen, sondern einfach an anderer Stelle weiter zu suchen. Er empfahl uns dann einen Platz in Flingern. Als wir dort nach einigem Herumirren ankamen, war die Zeit schon weitfortgeschritten und der dortige Verkauf bereits offiziell beendet. Die Reste waren schon auf einen Lkw geladen, der gerade losfuhr, während eine triefäugige, kleine und verwachsene alte Frau lauthals rufend Richtung Führerhaus lief. Nachdem der Lkw gehalten hatte, verlangte sie, dass man ihr noch ein Bäumchen verkaufen solle. Der junge Weihnachtsbaumverkäufer versuchte ihr klar zu machen, dass er ihr nichts Vernünftiges mehr geben könne und auf dem Wagen nur noch Abfälle seien. Die alte Frau keifte ihn jetzt aber regelrecht an und brachte ihn dazu, dass er gutmütig, wie er offenbar war, vor  sich hinbrummelnd von der Ladefläche aus dem unförmigen Gestrüpp etwasherauszog, das sich dann schließlich als kleines und etwas verwachsenes Bäumchen entpuppte, das er der Frau gab. Mag sein, dass er dafür von ihr einen bestimmten Betrag verlangte, mag aber auch sein, dass sie ihm dafür eine Münze aufdrängte oder auch den Baum umsonst bekam, weil es doch ohnehin schon aus demAbfall war, mein Vater und ich standen jedenfalls fassungslos dabei und begannen zu fürchten, dass sich der Plan meiner Mutter auf diese Weise doch noch durchsetzen würde, weil wir zu lange gesucht hatten und es jetzt nirgendwo mehr einen Baum geben würde. Wir konnten gerade noch den jungen Mann vor seiner Abfahrt nach einem jetzt noch offenen Verkaufsplatz fragen und wurden zur berühmten Königsallee, von den Düsseldorfern liebevoll Kö genannt, geschickt. Dort gab es tatsächlich noch einige – auch sehr schöne Bäume – , aber auch eine lange Schlange – hier der Örtlichkeit angemessen - gut gekleideter Menschen, die alle in derselben Situation waren wie wir, sie brauchten noch dringend einen Baum. Kurz bevor wir dran waren – nunmehr grimmig entschlossen, jeden halbwegs vernünftigen Baum, gleich welchen Namens und egal zu welchem Preis, zu kaufen – waren die Bäume ausverkauft. Wir wollten uns gerade betrübt und ohne jede Hoffnung abwenden, als unter den Wartenden die frohe Botschaft die Runde machte, es werde wohl noch ein Lkw voller Bäume nachgeliefert werden. Wir behielten also unseren guten vorderen Platz bei, standen uns die Beine in den Bauch, bekamen auch nach und nach kalte Füße, kalte Hände, kalte Nasenspitzen und verloren zuletzt auch noch unsere fröhliche vorweihnachtliche Stimmung, die sich unter dem Einfluss der elegant dekorierten Geschäfte der Kö und der mit vielen tausend Lichtern strahlenden Kastanienbäumen zu Beginn des Schlangestehens wieder aufgebaut hatte.....

 

.... den Rest der Geschichte und die anderen Geschichten gibt es in meinem Buch